Vertrauen

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über den wahren Wert des Vertrauens und dessen moderne Missdeutung

Autor: 
Stephan A. Rickauer

«Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!» Wer kennt ihn nicht, den markanten Ausspruch von Wladimir Iljitsch Lenin, der an der scheinbaren Tugend des Vertrauens so mächtig zerrt, dass es schon respektlos scheint.

Ist denn Vertrauen nicht ein wichtiger, ja grundlegender Faktor des Menschseins? Tagtäglich werden wir doch mit der drängenden Aufforderung «Vertrau mir!» konfrontiert, die uns so mahnend an echte Menschlichkeit zu erinnern versucht.
Vertrauen als kraftvolle Basis guter, zwischenmenschlicher Beziehungen - wird uns nicht genau das tagein tagaus gepredigt? Doch wie oft das viel zitierte Vertrauen die Zerreissprobe des Alltags nicht zu bestehen vermag, haben wir sicher alle schon am eigenen Leib erfahren, wenn das einmal geschenkte Vertrauen mit Füssen getreten und so schmerzlich missbraucht wird - auch von uns selbst.

Im heutigen, alltäglichen Sprachgebrauch, der von der tiefen Ursprünglichkeit der Begriffswerte häufig leider nicht viel übrig lässt, kleidet der Mensch auch das Vertrauen in einen völlig falschen Wert, denn er setzt ihn dem Glauben gleich. «Vertrau mir!» heisst «Glaub mir!», «Ich habe kein Vertrauen mehr zu dir» bedeutet heute eigentlich: «Ich habe den Glauben an dich verloren.»

«Du hast mein Vertrauen missbraucht!» müsste man heutzutage übersetzen mit: «Du hast meinem Glauben zuwidergehandelt!» Nicht Wissen, sondern Glaube bildet also die heutige Grundlage für das so tugendhafte Vertrauen. Eigene, subjektive Vorstellungen, Wünsche, Begierden und Hoffnungen werden in einen scheinbar vertrauten Menschen gewaltsam hineinprojiziert, dessen Wesen zuvor nicht im mindesten erfasst, also zum eigenen, wahrlichen Wissen erarbeitet worden ist. Man glaubt einem Menschen, den man nicht einmal kennt, so banal es auch klingen mag.
Weiss man um einen Menschen, kennt man also sein wahres Wesen, dann bedeutet dies in Folgerichtigkeit, dass man auch über seine Handlungsweise in Bestimmtheit weiss.

Als Beispiel diene ein Lehrmeister, der einen Lehrling auszubilden hat. Er wird diesen Lehrling erst dann mit wichtigen Arbeiten beauftragen, die er in Selbständigkeit zu erledigen hat, wenn er über dessen Fähigkeit, den gestellten Anforderungen gerecht zu werden, weiss. Der Lehrmeister hat sich mit den Fähigkeiten des Lehrlings vertraut zu machen, so dass er ihn beruhigt selbständig arbeiten lassen kann.