Terror-Generalverdacht im Alltag?
Nun mag man argumentieren, dass ‹besondere› Zeiten eben auch besondere Massnahmen erfordern und der Herr im obigen Vorfall offensichtlich naiv gehandelt habe. Mag sein; aber wo zieht man als ‹freier Bürger› die Grenze zwischen ‹unbefangen› und ‹fahrlässig naiv›? Und vor allem: Wer zieht sie?
Im Vergleich zu den klaren Feindbildern, die die älteren Jahrgänge aus dem Zweiten Weltkrieg resp. der Nachkriegszeit noch kannten, ist die Feinddefinition beim Terrorismus auch wesentlich schwieriger. Es sei hinzugefügt, dass – selbst wenn der amerikanische Volksglaube anderes lehrt – Rauschebart und Turban noch lange keinen Terroristen ausmachen (USA-Versuche haben gezeigt, dass Vollbartträger mit Turban vor Atomkraftwerken verhaftet wurden, während ‹normale Menschen› an den Werksführungen teilnehmen konnten). Terrorist kann jedermann sein. Diese Tatsache wird von Medien und Politik geschickt dazu genutzt, alles und jeden unter Generalverdacht zu stellen: Auch Sie und mich. Der schleichende Verlust unserer Privatsphäre und das Eindringen von Kontrollmechanismen in unseren Alltag gehen damit einher – zum scheinbaren Wohle aller. Das bedeutet auch, dass sich der einzelne vor jeder Handlung stets überlegen muss, ob diese beim Nächsten zu Terror-Assoziationen führen könnte. Das ist das Ende der freien Entscheidung. An deren Stelle ist die vollständige, von Angst und Paranoia geprägte Fremdbestimmung getreten, die die Freiheit des einzelnen deutlich beschneidet und mit jeder weiteren Entscheidung noch mehr reduziert.
Wie weit dieser Teufelskreis sich zu drehen vermag, zeigt folgende, tatsächliche Begebenheit: Die ‹World Hash House Harriers›, eine Gruppe harmloser Outdoor-Begeisterter, veranstaltete in den USA eine Schnitzeljagd, zu der man natürlich eine Fährte legen musste, um die entsprechenden Stationen finden zu können. Statt für Kreide hatte man sich zur Kennzeichnung der Spur für biologisch abbaubares Mehl entschieden und auch eine Markierung auf einem Parkplatz eines Möbelhauses angebracht. Die Schnitzeljagd endete damit nicht beim gemütlichen Biertrinken, sondern im Gefängnis, denn das Mehl wurde als biochemischer Angriff gewertet, das Möbelhaus evakuiert und ein Grosseinsatz der örtlichen Polizei ausgelöst. Der gesunde Menschenverstand wurde hier vom Terrorgedanken erfolgreich in Schach gehalten. Wie können zwei nicht einmal Handschuhe tragende Personen Biowaffen aus einem Plastiksäckchen verteilen, ohne gesundheitliche Schäden zu erleiden?